Einführung
Als die Demokratie zurückkamEine Verfassung als Neuanfang
Die Städte liegen in Schutt und Asche, die Bevölkerung ist ausgelaugt, leidet an Hunger und Wohnungsnot. Doch nach zwölf Jahren NS-Diktatur und sechs Jahren Krieg kehrt die Demokratie wieder zurück. Unter der US-Militärregierung wird Hessen zum Labor der Demokratie und beispielgebend für die Entwicklung des Grundgesetzes, an dem viele hessische Akteure drei Jahre später mitarbeiten.
In unglaublicher Geschwindigkeit handeln die neu zugelassenen Parteien einen Gesellschaftsvertrag aus. In vier freien Wahlen legitimieren die hessischen Bürgerinnen und Bürger ihre Vertreterinnen und Vertreter. Die Amerikaner sind Geburtshelfer. Sie suchen unbelastete deutsche Politikerinnen und Politiker und Expertinnen und Experten, beraten, überprüfen und geben den Takt vor. Wenige Monate nach der letzten Kriegshandlung, nach Millionen Toten, bauen sie gemeinsam mit ihren ehemaligen Feinden eine neue Gesellschaft auf dem Boden der Menschenrechte und demokratischer Standards.
Die Web-Doku nimmt Sie mit auf eine Zeitreise. Einem Tagebuch ähnlich, können Sie die Schritte zur Verfassungsgebung miterleben und die ersten demokratischen Aushandlungsprozesse nach Diktatur und Krieg verfolgen.
Bild: Luftaufnahme des zerstörten Frankfurts am Main aus dem Juni 1946. Nur der Kaiserdom und die Paulskirche sind noch erkennbar. (Bildarchiv Markus Lenz, Frankfurt am Main)
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Der Weg zur Verfassung
Besetzung
BesetzungDie Amerikaner kommen als Sieger
Bild: Die Überquerung des Rheins, wie hier auf dem Deckblatt eines "After Action Reports" dargestellt, zählt zu den wichtigsten Erfolgen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg.
(Ike Skelton Combined Arms Research Library Fort Leavenworth)
Groß-Hessen
Groß-HessenAmerikaner und Hessen für ein geeintes Land
Die Siegermächte USA, Sowjetunion und Großbritannien beschließen im Februar 1945 in Jalta, auch Frankreich eine Zone aus Teilen der Besatzungsgebiete der Briten und Amerikaner zuzuweisen – eine für das spätere Hessen fatale Entscheidung. Denn die Franzosen erhalten mit dem linksrheinischen Rheinhessen und einem rechtsrheinischen Brückenkopf – vier nassauische Kreise um Montabaur – historisch zu Hessen gehörende Gebiete, die später Teil von Rheinland- Pfalz werden.
Bild: Die im Februar auf der Krim stattfindende Konferenz von Jalta, mit dem britischen Premierminister Winston Churchill (links), US-Präsident Franklin D. Roosevelt (Mitte) und dem sowjetischen Diktator Josef Stalin (rechts), ist das zweite der drei großen alliierten Gipfeltreffen im Zweiten Weltkrieg. (Library of Congress, Franklin D. Roosevelt Library & Museum)
Erste Regierung
Erste RegierungEin Parteiloser als Ministerpräsident
Bild: James R. Newman in Wiesbaden im April 1946 bei der Eröffnung der Ausstellung „Greater Hesse can do it“. Schon früh versuchen die Amerikaner Zuversicht bei den Hessen für die neue Demokratie zu erzeugen. (HStAD, Best. H 1 Nr. 6517)
Parteien
ParteienGenehmigung von Neugründungen
Bild: Die amerikanische Regulierungspraxis der Parteienlandschaft zielt darauf ab, mit einem Vierparteiensystem eine Polarisierung und Zersplitterung zu unterbinden. (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG FFM), S9 Nr. 1-412, Militärregierung/USA)
Presse
PresseFreie Medien unter amerikanischen Fittichen
Bild: Zwischen den Trümmern Frankfurts entsteht die Frankfurter Rundschau. Die Journalisten arbeiten in notdürftig hergerichteten Räumen, oft mit der Schreibmaschine auf den Knien. (Picture Alliance)
Wahlpremiere
WahlpremiereDemokratieaufbau "von unten nach oben"
Lucius D. Clay beauftragt im November 1945 seinen Berater James K. Pollock zu prüfen, ob bald Wahlen abgehalten werden können. Obwohl einige unter den Deutschen und Amerikanern Bedenken hegen, weil sie die Bevölkerung noch nicht reif für ein Votum halten, empfiehlt Pollock baldige Wahlen. Auch Clay verspricht sich davon einen demokratischen Impuls.
Der Aufbau demokratischer Strukturen erfolgt von „unten nach oben“: Er beginnt im Januar 1946 mit Wahlen in den Gemeinden und endet mit den Landtagswahlen am 1. Dezember.
Bild: Einen Tag vor den Gemeindewahlen appelliert der Fuldaer Landrat Stieler in der Samstagsausgabe der Fuldaer Volkszeitung an die wahlberechtigte Bevölkerung des Landkreises: „Wahlrecht ist Wahlpflicht!“ (Fuldaer Volkszeitung/Stadtarchiv Fulda)
Biografie James R. Newman
Zum AnfangUnterthema: Entnazifizierung
EntnazifizierungPersonelle Säuberung
Die auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 beschlossene Entnazifizierung ist ein wesentliches Ziel der Siegermächte für den demokratischen Neubeginn. Alle Erinnerungen an den Nationalsozialismus sollen beseitigt und die Gesellschaft personell gesäubert werden.
Bild: Die von Juli bis August 1945 stattfindende Konferenz vom Potsdam, zwischen dem britischen Premierminister Clement Attlee (sitzend, links), US-Präsident Harry S. Truman (sitzend, Mitte) und dem sowjetischen Diktator Josef Stalin (sitzend, rechts), ist das dritte der drei großen Alliierten Gipfeltreffen während des Zweiten Weltkriegs. (Bundesarchiv,
Bild 183-R86965)
Karikatur
Zum AnfangZeitzeugeninterview Joachim Zint
Zeitzeugeninterview mit Joachim Zint
In folgendem Interview-Ausschnitt berichtet Joachim Zint über seine persönlichen Berührungspunkte mit der Entnazifizierung im familiären Umfeld und in der eigenen beruflichen Laufbahn als Richter. (Vonderau Museum Fulda)
Biografie - James K. Pollock
Zum AnfangNahansicht
Zum Anfang"Will the Germans"
Zum AnfangUnterkapitel: Reeducation
ReeducationHeranführung an demokratische Grundwerte
Bild: Das Amerikahaus prägt das Fuldaer Kulturleben in der Nachkriegszeit bis zur Schließung im September 1953. Das Programm richtet sich an die gesamte Bevölkerung und die Teilnahme an den Veranstaltungen ist kostenlos. (Stadtarchiv Fulda)
Zeitzeugeninterview Joachim Zint
Zeitzeugeninterview Joachim Zint
In folgendem Interview-Ausschnitt berichtet Joachim Zint davon, wie er als Jugendlicher die außerschulischen Freizeitprogramme der Amerikaner wahrgenommen hat. (Vonderau Museum Fulda)
Bekanntmachung
Zum AnfangBiografie Karl Geiler
Zum AnfangZeitzeugeninterview
Zeitzeugeninterview mit Erwin Jacobs
In folgendem Interview-Ausschnitt erzählt Erwin Jacobs von der Ankunft der Amerikaner in Fulda. (Vonderau Museum Fulda)
Lucius Clay
Zum AnfangRedakteure Bad Nauheim
Zum AnfangFlucht
Flucht und Vertreibung
Rund zwölf Millionen Deutsche aus den abgetrennten Ostgebieten fliehen in die vier Besatzungszonen. Nach Hessen kommen bis in die Nachkriegszeit mehr als eine Million Vertriebene. Allein 1946 nimmt Hessen fast 400.000 Menschen auf, vor allem Sudetendeutsche. Deren Verteilung stellt die hessischen Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen.
Bild: Flucht und Vertreibung der deutschen und deutschsprachigen Bevölkerung im und nach dem Zweiten Weltkrieg. (Prof. Dr. phil. Uwe Jäschke)
Nahaufnahme Karte
Zum AnfangZeitzeugeninterview Rudi Schmitt
Zeitzeugeninterview mit Rudi Schmitt
In folgendem Interview-Ausschnitt berichtet Rudi Schmitt über die politischen Maßnahmen zur Integration der Heimatvertriebenen in Hessen. (Vonderau Museum Fulda)
Proklamation Nr.2
Zum AnfangBiografie Charles Russe
Zum AnfangBiografie_ Dwight D. Eisenhower
Zum AnfangAmerikanische Direktive
Amerikanische DirektiveParforceritt zur Hessischen Verfassung
Bild: Einst Villa des Sektfabrikanten dient die „Söhnlein-Villa“ in der Wiesbadener Paulinenstraße nach dem Zweiten Weltkrieg als Sitz der Hessischen Militärregierung. (StadtA WI F000, Nummer 6124, Urheber Werner Selby)
Zusammenspiel
ZusammenspielUS-Militärregierung und deutsche Zivilverwaltung
Die amerikanischen Einheiten für die Militärregierung treffen bereits einige Tage nach den kämpfenden Truppen in den Gemeinden und Städten ein. Gemäß dem „Carpet- Plan“ legt sich ein dicht geknüpftes hierarchisches Netz von „Detachments“ auch über Hessen. An der Spitze der amerikanischen Besatzungsmacht in Deutschland steht Militärgouverneur General Dwight D. Eisenhower, seinem Stellvertreter General Lucius D. Clay obliegen vor allem Zivilangelegenheiten. Als zentrale US-Verwaltungsbehörde fungiert das Office of Military Government for Germany (OMGUS).
Bild: Gen. Dwight D. Eisenhower (links) mit Lt. Gen. Lucius Clay (rechts) am Flughafen Gatow in Berlin, während der Potsdamer Konferenz am 20. Juli 1945 (Harry S. Truman Library, Missouri)
Nahaufnahme Strukturgramm
Zum AnfangBeratender Landesausschuss
Beratender LandesausschussÜbungsfeld der Demokratie
Bild: Ein Plakat informiert die Öffentlichkeit über die konstituierende Sitzung des Beratenden Landesausschusses. (HHSTAW, Best. 502 Nr. 7299)
Vorbereitender Verfassungsausschuss
Vorbereitender VerfassungsausschussErste Etappe zur Verfassung
Bild: Im stark beschädigten Landeshaus in Wiesbaden finden unter erschwerten Bedingungen Sitzungen des Vorbereitenden Verfassungsausschusses statt. (StadtA WI F000, Nummer 6011, Urheber Willi Rudolph)
Fragebogenaktion
FragebogenaktionUmfrage mit begrenzter Wirkung
Bild: In der Sitzung am 5. April 1946 diskutiert der Vorbereitende Verfassungsausschuss über die Benennung der Institutionen und Persönlichkeiten, die zur Verfassungsfrage gehört werden sollen. (HHStAW, Best. 1126 Nr. 3/1)
Biografie- Walter Jellinek
Zum AnfangBiografie- Ulrich Noack
Zum Anfang4. Wahlmarathon
WahlmarathonSPD liegt vorn
Im Frühjahr 1946 folgen Wahlen Schlag auf Schlag:
am 28. April zu den Kreistagen und in den kreisangehörigen Städten mit über 20.000 Einwohnern, am 26. Mai in den neun kreisfreien Städten. Bei allen liegt die SPD landesweit vorn.
Bild: Bei den Stadtratswahlen in Frankfurt am Main am 26. Mai 1946 warten Wahlberechtigte, die nicht in den Wahllisten eingetragen sind, im zentralen Wahlbüro auf die Ausgabe von Wahlscheinen. (Ullstein Bild)
Zeitzeugeninterview Röder
Zeitzeugeninterview mit Liselotte Röder
In folgendem Interview-Ausschnitt erzählt Liselotte Röder davon, wie sie die ersten freien Wahlen nach dem Krieg als junge Erwachsene erlebt hat. (Vonderau Museum Fulda)
Biografie- Elisabeth Selbert
Zum AnfangAuftakt
AuftaktBeginn der Verfassungsberatungen in relativer Harmonie
Am 15. Juli eröffnet der 76-jährige CDU-Abgeordnete
Siegfried Ruhl als Alterspräsident im Realgymnasium Oranienstraße in Wiesbaden die Verfassungsberatende Landesversammlung, die Otto Witte (SPD) zum
Präsidenten, Cuno Raabe (CDU) und
Leopold Bauer (KPD) zu Vizepräsidenten
wählt.
Bild: Ein eigens mit Hand gezeichneter Aufsteller in zwei Sprachen wirbt für die neue Demokratie. (Picture Alliance)
Konfliktfelder
KonfliktfelderBeratungen in der Sackgasse
Bild: Das Foto zeigt eine Arbeitsgruppe des von der SPD eigens eingesetzten Ausschusses auf einer Wiese in Hochwaldhausen im Mai 1946, der im Juli schließlich einen eigenen SPD-Verfassungsentwurf vorlegen wird. (HHSTAW, Best. 502 Nr. 7274)
Konfliktverschärfung
KonfliktverschärfungDrohendes Scheitern und wachsendes Unbehagen
Bild: Stenographischer Bericht der 1. Sitzung des Siebener Ausschusses. (HHStAW, Best. 502 Nr. 7304)
Verfassungskompromiss
VerfassungskompromissEinigung von SPD und CDU in nur vier Stunden
Bild: Im kleinen Kreis wird der Kompromiss zwischen den Positionen der SPD und CDU gefunden. (Stadtarchiv Fulda)
Genehmigung
GenehmigungDie Amerikaner in der Zwickmühle
Doch wehrt Clay Einmischungsversuche ab. Empört telegrafiert er nach Washington, dass ein starker Eingriff in die Verfassung, die von den Deutschen in einer Atmosphäre der Freiheit geschaffen worden ist, dem demokratischen Gedanken abträglich wäre. Clay behält freie Hand.
Bild: Das von Clay verschickte Telegramm vom 15. Oktober 1946. (Institut für Zeitgeschichte München)
Biografie- Cuno Raabe
Zum AnfangBiografie- Leopold Bauer
Zum AnfangProvisorium
Zum AnfangLandtagswahl und Volksentscheid
Landtagswahl und VolksentscheidWahlkampf mit Störfeuern
Bild: Wahlplakate an einer Litfaßsäule in Frankfurt am Main werben im Herbst 1946 um die Stimmen der Wählerinnen und Wähler. (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (ISG FFM), S7Z Nr. 1946- 31, Kurt Weiner)
Hirtenbrief des Fuldaer Bischofs
Zum Anfang7. Konstituierung
KonstituierungDie Demokratie ist zurück
Bild: Die konstituierende Sitzung des Landtages findet
am 19. Dezember 1946 im Musiksaal des Wiesbadener Stadtschlosses statt. Hier zu sehen ist Otto Witte bei seiner Eröffnungsrede. (HHSTAW, Best. 3008/1 Nr. 40011)
Unterthema: Hunger
HungerwinterSchwierige Versorgungslage
Bild: Im Winter 1946 suchen Kinder in Wiesbaden nach Kohleresten zum Heizen. (Ullstein Bild)
Karikatur Hunger
Zum AnfangZeitzeugeninterview Margot Burschel
Zeitzeugeninterview mit Margot Burschel
In folgendem Interview-Ausschnitt berichtet Margot Burschel über die schwierige Versorgungslage während des Hungerwinters in Fulda. (Vonderau Museum Fulda)
Projektbeschreibung
Jubiläumsausstellung im Vonderau Museum FuldaAls die Demokratie zurückkam- 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda
Aus diesem Anlass begaben sich die Stadt Fulda und das Vonderau Museum 2021 mit der Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam - 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda" auf eine historische Spurensuche der Demokratiegeschichte von 1945 bis heute. Dabei war es ein Anliegen, die besondere Rolle der Amerikaner für den demokratischen Neubeginn in die Betrachtung aufzunehmen.
Die Ausstellung war eine Aufforderung zur gemeinsamen Selbstvergewisserung der Bürgerschaft. Sie beabsichtigte die Bevölkerung mitzunehmen und ihre Meinungen, Erfahrungen und Zeitzeugenschaft in die Erzählung einzubinden. Ein thematisch an die Ausstellung geknüpftes Zeitzeugenprojekt fing den ganz persönlichen Blick auf die Entwicklung der Demokratie in Hessen und Fulda ein.
Mithilfe einer Hessischen Verfassungs-App sollte die pädagogische Arbeit des Museums gestärkt und die aktuelle Fassung der Hessischen Verfassung und deren Hintergründe vermittelt werden. Digitale Lern- und Unterrichtsmaterialien für Schulen wurden entwickelt und über einen Download frei zugänglich gemacht. Interaktive Lern-Apps banden die Inhalte der Jubiläumsausstellung mit ein und erlaubten die Bearbeitung eigenständig vorgegebener Fragestellungen.
Die Jubiläumsausstellung im Vonderau Museum Fulda wurde gefördert von der Hessischen Staatskanzlei, dem Hessischen Ministerium für Digitale Strategie und Entwicklung sowie von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ).
Zur nachhaltigen Präsentation der Ausstellungsinhalte haben die Hessische Landeszentrale für politische Bildung (HLZ), das Vonderau Museum Fulda und beier+wellach projekte diese interaktive Web-Doku entwickelt. Somit kann die Jubiläumsausstellung auch über ihren ursprünglichen Ausstellungszeitraum hinaus erlebbar gemacht werden.